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Vorgehensweise und Erzählkonzept

Von vornherein sollte präzisiert werden, daß das Genre des Films nicht streng historisch ist, wenn man unter „historisch“ eine chronologische Erzählung und eine genaue Darstellung der Ereignisse, die die Zeit des 2. Weltkriegs gekennzeichnet haben, versteht.
Dieser Vorgehensweise, die wir „historistisch“ nennen wollen, ziehen wir eine poetischere vor, inspiriert durch eine subjektive Erzählung, bei der die historischen Ereignisse keine informative Rolle spielen, sondern zur Dramatisierung des Berichts beitragen.

In diesem Sinn werden wir im folgenden die Hilfsmittel der Erzählung, das heißt, das was man unter subjektiver Erzählung versteht, näher ausführen.

Ein Tagebuch für die dramatische Kontinuität
Während meiner ersten Erkundung geeigneter Drehorte, habe ich Ruth Sanders bei sich zu Hause in Arizona getroffen. Ihr Name stand als einer der ersten auf einer langen Liste von mehr als 100 Überlebenden. Sie unterbrach unsere Unterhaltung plötzlich, da sie sich erinnerte, ein Tagebuch, das ihre Odyssee auf der Atlantic ausführlich behandelte, auf deutsch geführt zu haben.

Nach der Übersetzung, stellte sich das Tagebuch unerwartet als dramaturgisches Hilfsmittel heraus. Wie beim Lesen des Drehbuchs festgestellt werden kann, erweist es sich nicht nur als wertvolle Verbindung für die Kontinuität der Geschichte, sondern seine extreme Flexibilität erlaubt es uns auch, in ein und demselben Atemzug Städte, Länder und Ozeane zu durchqueren: dem Atemzug einer jungen 17-jährigen Pragerin, die ihr langsames Abdriften in eine nahezu völlige Hoffnungslosigkeit erzählt.

Ruths Tagebuch, in Form einer jungen 17-jährigen Off-Stimme, mal leicht, mal heiter, dann tragisch, stellt das Gerüst der Erzählung dar. Die Subjektivität des Textes wird von einer Subjektivität der Form (Auswahl der begleitenden Bilder, Töne und Musik) überlagert.

Eine Kulisse zwischen Traum und Grauen
Ruths Tagebuch, aber auch alle bis zum heutigen Tag zusammengetragenen Augenzeugenberichte, bestätigen die durchgehende Dimension der Erzählung, bei der die absolute Schönheit als Hintergrund für Hunger, Durst, Krankheit, Tod, Streit, Krieg und Verlassenheit, kurzum, für Hoffnungslosigkeit, dient. Die Irrfahrt der Atlantic, die in idyllischer Kulisse stattfindet, ähnelt einer homerischen Odyssee, die uns von den Gewässern der Donau über die des Mittelmeers zu den Gewässern des Indischen Ozeans führt.

Unter diesem Gesichtspunkt ist DIE IRRFAHRT DER ATLANTIC ein traumhafter Film, ein dokumentarischer Western, der von der großen Entfernung lebt, die Wien von Mauritius trennt. Dennoch haben sich seit der Durchfahrt der Atlantic vor 60 Jahren die Schauplätze verändert. Und selbst wenn es im Lied heißt, Paris reste Paris, so hat sich doch der Blick auf Paris sehr verändert. Diese zeitlose Ambiguität der durchquerten Orte, diese Fähigkeit, sich selbst in Bildern zu erzählen, erzeugt eine permanente Distanzierung von der Off-Stimme.

Diese Distanzierung hat den Vorteil, daß sie niemals zur Veranschaulichung neigt. Außerdem, weit davon entfernt, uns der Logik eines historischen Films zu unterwerfen, öffnet sie uns durch ihre Form eher die Tore für ein modernes Märchen.

Denn diese Off-Stimme eines 17-jährigen Mädchens, hallt in einer zeitgenössischen ambivalenten Szenerie wider, die eine unveränderliche Schönheit in sich trägt, gleichzeitig aber auch die Wundmale ihres Verfalls, sei es die Verschmutzung der Donau-Gewässer, die Industralisierung der Ufer oder die Erinnerung an einen kürzlich erfolgten Genozid in Jugoslawien oder schließlich ein mauritisches Gefängnis, das immer noch benutzt wird, und in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

Die Hauptpersonen
Der Film sollte etwa zwölf Personen zusammenführen, allesamt Flüchtlinge auf der Atlantic oder Verwandte von Flüchtlingen, die vor allem in Wien, in Israel, auf Mauritius und in London gefilmt werden. Die im Drehbuch vorgestellte Auswahl, die noch keine endgültige ist, hat sich auf verschiedene Kriterien gestützt, wie z.B. die individuelle Erinnerung an ihre Odyssee und ihre Fähigkeit, diese mitzuteilen, sowie ihr Ursprungsland, ihr Alter und die Art und Weise wie sie für den Transport ausgewählt wurden. Letztendlich starben Zeitzeugen noch während der Vorbereitungsarbeiten.

Die drei Gemeinschaften, die auf der Atlantic waren, d. h. die Gemeinschaften aus Wien, Danzig und Prag, werden hier dargestellt, sowie die zionistischen, laizistischen und sogar politischen Empfindsamkeiten, die damit verknüpft sind, auch wenn diese Einzelheiten für den Film nur von sekundärer Bedeutung sind. Alle Altersgruppen sind vertreten.
Im folgenden werden die acht Hauptpersonen vorgestellt.

In Israel
Ruth Sitton, Hochschullehrerin, war damals 2 Jahre alt und begleitet den Film mit Hilfe der Aufzeichnungen ihres Vaters. Sie verdankt ihre Registrierung für den Transport dem Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien, Eichmann. Die Aufnahmen von Ruth werden in der Universität von Beer Sheva gedreht, wo sie Psychologie für schwererziehbare Kinder lehrt...

Meir Feldman(+) war zum damaligen Zeitpunkt 17 Jahre alt. Sein Augenzeugenbericht wird sich durch den gesamten Film ziehen. Er stammt aus Prag, ist ein empfindsamer und ergreifender Mensch, vor allem wenn er den Untergang der Patria und den „nackten“ Widerstand gegenüber den Engländern bei der Deportation schildert. Er wird auf seinem Weg zu seinem Arbeitsplatz, einem Reisebüro, gefilmt.

Myriam Zamstag und Yaffa Kessler, ebenfalls aus Prag, gehören zu den ältesten Augenzeugen. Ihr Bericht ist dennoch lebendig, heiter und farbenfroh; all ihre Erinnerungen, sei es an die Deportation aus dem Lager von Atlit oder an ihren Aufenthalt auf Mauritius sind voller plastischer Details. Sie werden hinter dem Stacheldraht von Atlit und bei sich zu Hause gefilmt.

Jacob Tchek, junger Aktivist einer zionistischen Bewegung in Prag, ist heute noch, obwohl er jetzt an der Alzheimer-Krankheit leidet, äußerst einfühlsam, und er erinnert sich an den tatkräftigen Mann, der er früher einmal war. Seine philosophischen Überlegungen über die „Menschen, die unter schwierigen Bedingungen zu wilden Tieren werden“ – als er sich auf die mangelnde Solidarität auf dem holländischen Ozeandampfer bezieht – seine Liebe zur Natur, die ihn als Gärtner des Gouverneurs auf Mauritius arbeiten ließ und ihn heute dazu bringt, „Bird‘s watching“ an der jordanischen Grenze zu betreiben, machen ihn zu einem einzigartigen und ergreifenden Zeugen.

In London
Peter Angler war zwei Jahre und sein Bruder wenige Tage alt, als die Patria explodierte. Der jüngere der beiden war in der Kinderkrippe und wurde in einem Koffer ins Wasser geschleudert, während Peter sich zusammen mit seinem Vater in den Strudeln um das untergehende Schiff abkämpfte. Peter Angler ist der einzige, der gleichzeitig als Flüchtling der Atlantic und als Überlebender der Patria berichten kann. Er entging also der Deportation nach Mauritius. Da er zum Zeitpunkt der Geschehnisse noch sehr jung war, ging er vor ein paar Jahren zum Public Record Office in London, um in den dortigen Archiven nach Berichten über die Atlantic zu suchen. Dabei fand er die Akte, die für die Öffentlichkeit für 100 Jahre gesperrt war. Da diese Archive nun von der Sperrung entbunden wurden, scheint es uns interessant, Peter Angler einen erneuten Besuch in London vorzuschlagen, was uns ermöglichen würde, dieses Archivmaterial aus seiner Sicht, der eines ehemaligen Flüchtlings zu bewerten. Er soll innerhalb des Public Record Office und in einer Seilbahn über Haifa gefilmt werden.

Auf Mauritius
Henry Wellisch, der aus Wien stammt und in Kanada lebt, ist ein wandelndes Lexikon, was die Geschichte der Atlantic betrifft, wobei er nicht nur viele Informationen gesammelt hat, sondern auch über persönliche Erinnerungen verfügt. Er erweist sich als Schlüsselfigur, ganz gleich ob er über die Einschreibebedingungen, als sein Vater vorgab, steng religiös zu sein, damit sein Sohn vom Palästinabüro angenommen wird, über die sanitären Bedingungen der Atlantic oder über das Mitgefühl, das er heute für die Boat People hegt, berichtet. Wir werden Henry Wellisch vorschlagen, nach Mauritius zu fahren und ihn innerhalb des Gefängnisses von Beau Bassin zu filmen.

Shlomo Haendel ist zwei Wochen nach der Rückkehr von Mauritius nach Palästina geboren und Sohn eines Vaters, den er niemals gekannt hat: Fritz Haendel, Maler und Schöpfer von einmaligen Zeichnungen, die die Odyssee der Flüchtlinge beschreiben. Fritz Haendel gehört zu den 124 auf Mauritius verstorbenen Flüchtlingen. Wie Shlomo selbst sagt, ist er im Schatten der bildlichen Darstellungen seines Vaters aufgewachsen und hat versucht, die darin versteckte Realität, vor der ihn seine Mutter schützen wollte, zu interpretieren. Erst vor kurzem hat er erfahren, daß sich sein Vater in Wirklichkeit in seiner Gefängniszelle in Beau Bassin erhängt hat. Wir werden Shlomo Haendel vorschlagen, nach Mauritius zu fahren und ihn bei seiner Suche nach dieser verlorengegangenen Wahrheit, von der nur noch die Aquarelle seines Vaters eine dunkle Spur hinterlassen haben, zu filmen.

Wir werden auch Ruth Sanders, Verfasserin der Off-Stimme, die den Filmbericht gliedert, vorschlagen, sich ebenfalls nach Mauritius zu begeben und sie während des Gefängnisbesuchs in Beau Bassin zu filmen. Ruths Tagebuch ist in Wirklichkeit wie eine Art Rückblende konstruiert, da sie es anscheinend bei ihrer Ankunft auf Mauritius überarbeitet und wenig später die Aufzeichnungen beendet hat. Wir wollen diese temporale Verschiebung ihrer Eintragungen nutzen, um einen „Flashback„ anzuregen, der im Innern des Gefängnisses selbst ausgelöst wird. Innerhalb dieser Rückblende könnten Filmausschnitte in Realzeit integriert werden, mit denen man das Gefängnis von Beau Bassin heute aus subjektiver Sicht Ruths entdecken würde. Das Erzählverfahren würde erst zum Schluß preisgegeben werden, wenn Ruth Sanders die letzten Zeilen aus ihrem Tagebuch laut vorliest.

Die Bedeutung der Archive
Zwei Arten von Archiven müssen unterschieden werden: die Textarchive und die photographischen und audiovisuellen Dokumente.
Erstere sind zum großen Teil im Public Record Office (PRO) in London zusammengefaßt und stellen einen Bestand von mehreren tausend Seiten dar. Auch eine - aufgrund des gewaltigen Umfangs - oberflächliche Betrachtung des Bestands ermöglicht es, die von der britischen Regierung eingeleitete regelrechte Treibjagd auf die Flüchtlinge, die die Donaulinie benutzten, zu erfassen. Das Drehbuch bietet eine noch nicht endgültig festgelegte Auswahl von einigen telegraphischen Nachrichten in Form eines Morsetextes, der sporadisch auf dem Bildschirm erscheint, ohne daß die erzählenden Personen sowie die Off-Stimmen darüber informiert sind.
Dieses Verfahren, das eine Art „Gegentagebuch“ der britischen Bürokratie schaffen soll, muß immer wieder überarbeitet werden, je nachdem wie Peter Angler, der uns diese Texte mitteilen soll, bei seinen Recherchen fortschreitet.

Die Photo- und Bildarchive enthalten die Zeichnungen von Fritz Haendel und zahlreiche Photos von der Atlantic und von Mauritius.

Die Filme, die in den Archiven von London, Washington, München und Jerusalem aufbewahrt werden, zeigen vorwiegend Bilder von Flüchtlingen. Der wichtigste Film behandelt die Palästinafahrt der Karako, ein der Atlantic ähnliches Transportschiff. Er zeigt die Bedingungen, die durch die Überfüllung herrschen und den katastrophalen Zustand der Flüchtlinge, als das Schiff von der britischen Marine geentert wird.

Das Erzählkonzept ermöglicht es uns, diese Archive zu nicht-illustrativen Zwecken zu verwenden, sozusagen als Hintergrund der Geschichte der Atlantic. Ruths Off-Stimme wird in keinem direkten Zusammenhang mit den ausgewählten Bildern stehen. Es ist wahrscheinlich, daß die Archive des Public Record Office es uns ermöglichen werden, die Karako durch eine telegraphische Nachricht einzuführen. Die Existenz dieser Archive ist wertvoll, da sie die zuvor auf der Grundlage der Interviews und der Erzählung Ruths aufgestellten Hypothesen unterstützt.